Es geht um alles und nichts.

5. November 2006

Fahrstuhlmusik, Teil zwei.

Damals, vor einer Woche, als an den zu Boden gefallenen Blätter weder Schnee noch Frost haftete und sie noch vergnügt im Wind tanzen konnten, war die Steiermark ein Ort, an dem schöne Erinnerungen erschaffen wurden. Elektronische Kunst und politischer Diskurs erbauten sich im inneren des großen Schlossberges zu Graz und schenkten dem toten Gestein von innen heraus neues Leben. Mensch betritt einen klangvollen Fahrstuhl, überwindet damit Ebenen - nächster Halt "Kopfkunst".

Das Elevate bot ein umfassendes Programm vom Abend des Mittwoch bis in die frühen Morgenstunden des Sonntag. Ich selbst nahm aber erst ab Donnerstag daran Teil.
Nach einer mehrstündigen Autofahrt, begeleitet von entspannter Musik (das neue Album von The Album Leaf, Into the Blue Again sei der LeserInnenschaft hiermit ans verträumt entspannte Herz gelegt), guter Konversation und viel Sonnenschein erreichten meine Gefolgschaft und ich das lockende Graz. Nachdem den lebenserhaltenden Maßnahmen mit der Zuführung von Nahrungsmitteln - ja, auch Bier - nachgegangen wurde, bezog mensch wenig Zeit später vor der Hauptbühne, also dem sogenannten Dom im Berg, Stellung, um alsbald elektronisch verwurzelte Popmusik mitzuerleben. Da das gesamte Programm ohnehin der Website des Festivals entnommen werden kann, werde ich versuchen mich bei meinen Ausführungen auf die eindringlichsten KünstlerInnen zu konzentrieren. Konsequenterweise muss aber gesagt werden, dass an diesem Abend alle InterpretInnen zu begeistern wussten (ein Phänomen was sich auch an den folgenden Tagen häufig auftreten sollte...). Ganz besonders Eva Jantschisch alias Gustav, die viel neues Liedgut darbot. Ihr zweites Album verspricht für meiner einer also ein ebenso großer Wurf zu werden wie das rundum entzückende Debüt. Die Tatsache, dass sie ein- oder zweimal Probleme mit der Rezitierung ihrer eigenen Liedtexte hatte, wurden von der großen musikalischen und inhaltlichen Qualität und der sympathischen Ausstrahlung, die damit einher zu gehen scheint, gleichsam problemlos überstrahlt.
Die im Anschluss agierenden Elektromannen Machinedrum bzw. Jimmy Edgar boten für mich einen sehr guten und tanzbaren Einstieg in den kleinen Mikrokosmos der großen Welt der elektronischen Musik, der mich an den folgenden Tagen noch ausgiebig in seinen Bann zog und mich bis heute nicht loslässt.

Wenn ich die rauschenden Nachtstunden Freitag ins Gedächtnis rufe, scheint eine Figur besonders im Netz meiner Synapsen festzuhängen, der britische Rabauke Tim Exile. Der Ehrlichkeit halber sei erwähnt, dass die konzentrierte Erinnerung an diesen einen Kerl auch mit dem Rausch-bedingten, etappenweise Fehlen jeglicher Konzentration zu tun haben kann. Feste werden gefeiert wie sie fallen oder so lange bis man selber fällt. Wie auch immer, der Gesamteindruck dieses Abends ist jedenfalls ein wunderbarer.
Doch zurück zum genannten Künstler Tim Exile. Selbiger war nicht nur mit der nötigen Musikapparatur (Mikrofon, Laptop, Sampler und anderem Knopfdrehkram) ausgestattet, sondern auch mit einem großen Joystick, der auf der Höhe seines Geschlechtsteils um seine Hüften geschnallt war. Interessanterweise war dieses Stück erregiertes Plastik mit seinem Instrumentarium unmittelbar verbunden. Bei Zeiten also, wenn die tanzende Meute die krachenden Klänge mit in die Luft geworfenen Köpfen, Armen und Beinen huldigte und sich ohnehin keinen derberen Sound vorzustellen vermochte, trat der Mann mit der Lendenkonsole vor die schwitzenden Leiber und rüttelte so lange am verkabelten Phallus, bis die Klangkonstrukte noch orgiastischer wurden und noch verzerrtere Beats hervorbrachten, sprich ejakulierten. Verfeinert wurde der frühmorgendliche Auftritt, Amtsantritt war um drei Uhr, noch mit vereinzelt über die wippenden Köpfe verstreute Aussagen wie "We're in the middle of a fucking mountain! Noise for the hills" oder "This is for the Cunts!" und anderen flegelhaften Phrasen. Das Publikum dankte mit Gejohle, Gejauchze und unaufhörlichem Gehopse. Aber nicht nur der ironisierte Sexismus bestimmte die Performance, auch väterliche Fürsorge kam zum Ausdruck, als er sich danach erkundigte, ob doch alle Anwesenden ihren Eltern gesagt haben, wo sie sich denn diese Nacht befänden und so weiter. Im wahrsten Sinne des Wortes eine geile Show, nichts mit englischer Prüderie; zugegeben, eine etwas unkonventionelle Art und Weise, um mit Klischees aufzuräumen.
Meinen leicht bruchstückhaften Erinnerungen und den mit Tanzschweiß getränkten Kleidungsstücken zufolge, waren alle anderen Musikteile des Abendprogramms auch hinreißend bis fantastisch.
Erwähnt sei natürlich auch die Diskussionsrunde an der ich am späten Nachmittag teilgenommen habe, sie war sehr interessant. Gesprochen wurde über Videostreaming und freie Netzwerke bzw. über die Probleme, die sich ergeben, wenn man versucht den kommerziell motivierten Kräften im Internet freie und unabhängige Kommunikationsformen gegenüberzustellen. Die AktivistInnen aus Spanien und Österreich erläuterten ihr bisher noch utopisch anmutendes Vorhaben, in absehbarer Zeit mit den selbsterschaffenen Systemen das kommerzielle Fernsehen zu ersetzen. Bis dahin werden ihrerseits sehr ideenreiche Alternativen zu den gängigen Medienformen aufgebaut und bereits dargereicht. Das Internet bietet also sehr gute Möglichkeiten soziale Bewegungen weltweit zu vernetzen und die bisherigen Erfolge dieser digitalen Demokratisierung von unten lässt die handelnden Personen hoffnungsvoll in die Zukunft blicken, da auf der Ebene dieses Aktivismus scheinbar schon so viel Unabhängigkeit erreicht wurde. Das Internet als Instrument der/zur sozialen Revolution. Klingt vielversprechend; weiterführende Links bietet die Seite des Festivals.

Soviel zu den ersten Schilderung rund um die große Sause im Schlossberg. Ausführungen und fotografische Aufnahmen, die den letzten Tag im Berg zeichnen, werden in Kürze folgen. Bis dahin wünscht Klausemann allen Augen, die meine Zeilen ihrer Blicke würdigen, eine schöne Zeit.

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